Die 4-Stunden-Woche als systemisches Risiko

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Abstract

Freiheit durch radikale Effizienz – das verspricht die 4-Stunden-Woche von Tim Ferriss. Die Versprechen sind jedoch riskant für Reputation und Tragfähigkeit des Geschäfts. Die vier Stunden beruhen auf systematischen Verkürzungen: Arbeit ist eng definiert, der Aufwand für Aufbau und Weiterentwicklung ausgeblendet, Produkte und Kunden stark trivialisiert. Unklar bleibt zudem, wie aufgeblähte Standardmethoden des Zeitmanagements zum behaupteten Geschäftserfolg beitragen; sie dienen eher als Füllstoff denn als notwendiges Handwerkszeug. Der Artikel ordnet die Postulate systemisch ein und zeigt die daraus entstehenden Risiken auf.

Inhalt

Das Problem: Vermeintlich verplemperte Lebenszeit

Wir verplempern auf der Arbeit unsere Lebenszeit. Copy-Paste, Formulare abtippen, PowerPoints zusammenklicken, Bugs von Excel ins Jira übertragen. Mindestens 40 Stunden pro Woche. Tim Ferriss holt die Leute dort ab, wo es sie bewegt. Das hat ihm Google Analytics verraten, wie er selbst schreibt.

Der Einstieg des Buches folgt einer rhetorischen Verkaufstechnik:[1]

  • Wollen wir uns aus dem Neonlicht treten?
  • Wollen wir uns von narzisstischen Managerinnen befreien?
  • Wollen wir mehr als 3 Wochen Urlaub machen?
  • Wollen wir jetzt leben und nicht erst im Alter?
  • Wollen wir unsere Kinder aufwachsen sehen?
  • Wollen wir unsere Persönlichkeit entfalten?

Mit so vielen „Ja“ kann man fast nur noch zustimmen. Ferriss positioniert den Leser als tragischen Held seiner eigenen Geschichte und offeriert das Rüstzeug: die 4-Stunden-Woche.

Ferriss spricht ein verbreitetes Problem an. Viele Menschen geraten in eine Schuldenspirale – etwa durch Konsum, teure Ausbildung oder Krankheit. Schulden zwingen zur Arbeit, notfalls in unliebsame Jobs. Dadurch sinken die Freiheitsgrade; oft leidet auch die Lebensqualität.

Zeitmanagement extrem in die Länge gezogen

Ferriss zählt die Grundlagen von Zeit- und Selbstmanagement auf, wie wir es von Peter Drucker[2] und David Allen[3] kennen: priorisieren, delegieren, konzentrieren.

Inhaltlich ist das unstrittig, auffällig der Umfang: Ein einfaches Thema wird mit Anekdoten, Dramen, Beispielen und Reiseberichten auf Hunderte Seiten gestreckt – ohne inhaltlichen Mehrwert. Textmenge soll Relevanz vortäuschen. Eine knappe Aufzählung hätte gereicht und das Buch deutlich verkürzt.[1: S. 32-292]

Fragwürdige Geschäftspraktiken

Wer nur vier Stunden pro Woche arbeiten will, müsse seine Lebenszeit vom Umsatz entkoppeln. Er braucht ein Produkt. Ein Expertenprodukt. Als Experte gelte, wer nur etwas mehr weiß als sein Kunde. „Expert status can be created in less than four weeks if you understand basic credibility indicators“. Konkret: Man kopiere ein paar Binsenweisheiten aus Büchern und Seminaren, etwa Methoden des Zeitmanagements, und biete sie als eBook, Video oder Online-Seminar an. Voilà, der formale Expertenstatus entsteht, ohne dass tatsächliche Expertise erforderlich wäre.

Konsequenterweise soll auch der Kundenkontakt reduziert werden. Kunden gefährden das 4-Stunden-Ziel. Sonderwünsche? Kunde entfernen. Anrufe? Weiterleiten. Mails? Autoreply. Keine Minute zu viel für Kundenzufriedenheit. Dass dies den Geschäftserfolg mittelfristig gefährdet, bleibt unerwähnt.[1: S. 122ff]

Die doppelte Einfachheit von Produkt und Kundenkontakt erlaubt es, das Geschäft an virtuelle Assistenten auszulagern (heute wohl eher KI-Agenten). Billiglöhner aus Indien, den Philippinen und Vietnam pflegen für 5 $ pro Stunde den Online-Shop, übernehmen das Marketing und kopieren weitere eBooks.[1: S. 168-171]

Damit aber auch diese Leute keinen Aufwand erzeugen, überträgt man das Management an einen „domestic outsourcer“.[1: S. 115ff] Gemeint ist keine Führungskraft, sondern ein Kontrolletti, der die Assistenten antreibt und notfalls ersetzt. Das Beste: Man muss sich nicht schlecht fühlen. Man sieht die anderen nicht, hört sie nicht, kennt sie nicht. Unmoralisch? Nein, das machen schließlich auch Konzerne. Entscheidend ist, ob man selbst damit im Reinen ist.

Das Risiko für das Geschäft ist erheblich: Weder im Produkt, noch in den Fähigkeiten oder bei den Mitarbeitern entsteht eine Spezialisierung[4] oder ein Alleinstellungsmerkmal. So kann man im Wettbewerb kaum mithalten. Ferriss argumentiert auffällig kurzfristig. Der Umsatz soll die laufenden Lebenshaltungskosten decken. Am besten also irgendwo leben, wo es billig ist. Caracas oder Buenos Aires statt München, Wien oder Zürich. Höhere Kosten für höhere Lebensqualität fallen bei Ferriss genauso hinten unter wie Rücklagen für schlechte Zeiten.

Statistische Schummeleien

Die 4-Stunden-Woche lässt sich auch mit Zeitmanagement und den fragwürdigen Geschäftspraktiken nicht erreichen. Ferriss definiert zentrale Größen so, dass die Darstellung aufgeht.

Zunächst die Arbeitszeit: Was gilt eigentlich als Arbeit? Ferriss zählt nur Tätigkeiten, die nerven oder keinen Spaß machen. Tätigkeiten, die Freude bereiten oder als „Lifestyle“ gelten, bleiben unberücksichtigt. In der Projektarbeit gilt dagegen das 100 %-Prinzip: Arbeitspakete müssen den gesamten Aufwand abbilden, um eine Sache fertigzustellen – nicht nur den nervenden oder unbequemen Teil.

Auffällig ist zudem, dass Ferriss nur Aufwände aus der Phase berichtet, in der das Geschäft bereits läuft. Den Aufwand für Aufbau und Weiterentwicklung blendet er aus. Den Effekt zeigt Bild 1:

Diagramm mit Zeitachse und Arbeitsaufwand: Hohe Arbeitslast in Aufbau- und Entwicklungsphasen, niedrige Arbeitslast in stabilen Phasen. Hervorgehoben ist nur der Abschnitt mit geringem Aufwand.
Selektive Darstellung der Arbeitszeit. Quelle: Eigene Darstellung.

Ein geeignetes Maß wäre die mittlere Arbeitszeit über den gesamten Zeitraum, die arbeitsintensive Phasen auf Zeiten geringerer Belastung verteilt.

Fazit

Nachahmer werden enttäuscht. Eine 4-Stunden-Woche ist allenfalls kurzfristig darstellbar. Mittel- und langfristig erfordert ein Geschäft mehr Zeitaufwand. Unabhängig davon geht man ein erhebliches Risiko ein: Reputationsschäden wirken oft lange nach und sind kaum reversibel. Dennoch ist die 4-Stunden-Woche lehrreich. Sie zeigt typische Praktiken von Pseudoexperten und Scharlatanen. Man muss sie kennen, um sie zu erkennen und sich davor zu schützen.

Endnoten

  1. Ferriss, T. (2014). Die 4-Stunden-Woche: mehr Zeit, mehr Geld, mehr Leben. (Ungekürzte 11. Auflage). München: Ullstein
  2. Drucker, P. (2002). The Effective Executive. New York: HarperCollins Publishers.
  3. Allen, D. (2022). Wie ich die Dinge geregelt kriege. (H. Reuter, Ed.) (Aktualisierte und erweiterte Taschenbuchausgabe, 9. Auflage). München: Piper.
  4. Friedrich, K. (2007). Erfolgreich durch Spezialisierung. Kompetenz entwickeln, Kerngeschäft ausbauen, Konkurrenz überholen (2., aktualisierte und überarbeitete Auflage). Heidelberg: Redline Wirtschaft.