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Factfulness: Wie wir lernen, die Welt so zu sehen, wie sie wirklich ist

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Kategorie: Statistcal-Literacy

Autoren: Hans Rosling

Verlag: Ulstein Taschenbuch

ISBN: 978-3548060415

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Letztes Wochenende hatte ich wieder mal die einmalige Gelegenheit, ein Weltbild-Verzerrungs-Instrument zu bewundern: einen TV. Offenkundig, so schien es, wird die Welt immer schlimmer. Corona-Krise, Präsidentenkrise, Wirtschaftskrise, Ehekrise, Fußballkrise, Krise der Krisen.

Diese negative geprägte Sichtweise ist fehlgeleitet, erklären uns Hans, Ola und Anna Rosling in ihrem Buch »Factfulness«. Wie auch die TED-Vorträge und die Datenbank auf www.gapminder.org ist das Buch eine erfrischende Antithese zu den beliebten Untergangsszenarien.

Die Welt ist in den letzten 50 Jahren erheblich besser geworden. Keineswegs perfekt. Besser:

  • Die Anzahl der Menschen in extremer Armut ist auf unter 10% gesunken.
  • Mindestens 80% der Menschen haben Zugang zu Strom, fließend Wasser, Impfungen und Schulbildung.
  • Die Anzahl der Opfer von Naturkatastrophen hat sich mehr als halbiert.
  • Die Anzahl der Neugeborenen sinkt. Das Wachstum der Weltbevölkerung stagniert.
  • Die Welt ist nicht mehr gespalten in den »reichen Westen« und »alle anderen«
  • Und einige mehr…

Wir denken systematisch verzerrt

Wie schlecht wir über den Zustand der Welt Bescheid wissen, ermitteln die Roslings mit Umfragen. Beispiel:

Wie viele Menschen auf der Welt haben ein gewisses Maß an Zugang zu Elektrizität?
A: 20%
B: 50%
C: 80%

Hätten wir keine Ahnung, würden wir raten und A, B und C würden zu ca. ⅓ auftreten. Das wäre das Ergebnis unwissender Schimpansen, wie die Roslings schön veranschaulichen. Weniger als 15% der befragten Menschen aber wählen die korrekte Antwort C. Ein Unterschied zwischen Nicht-Akademikern, Akademikern und Nobelpreisträgern konnte übrigens nicht festgestellt werden. Alle schneiden systematisch schlechter ab als eine zufällige Gleichverteilung.

Woher kommt diese Verzerrung? Ein Grund: Schlechte Nachrichten verkaufen sich gut und können heute in kürzester Zeit verbreitet werden. Gute Nachrichten dagegen verkaufen sich schlecht.

Schwarz-Weiß-Denken macht die Welt schön einfach

Uns Menschen fällt es schwer, mit der liebgewonnen Weltsicht zu brechen. Warum ist das so? Die implizite Antwort im Buch: Schwarz-Weiß-Denken ist schön einfach.

  • hier die extrem Armen, dort der privilegierte Westen
  • hier Umweltschutz, dort Dieselautos
  • hier der Bürger, dort Bill Gates
  • hier der Sozialismus, dort der Kapitalismus
  • hier wir, dort die Ausländer

Der rote Faden zu vermeintlich offenkundigen Lösungen entspinnt sich dann von allein. Die Anderen müssen bekämpft werden. Ja sogar gestürzt.

Würden die Schwarz-Weiß-Denker auch mal ernsthaft was tun, würde sie die Realität bereits lehren, wie kompliziert es ist. Es ist gibt keine zwei extremen Lager. Es gibt immer Bandbreiten. Die überschneiden sich, sind verstrickt mit anderen und beeinflussen sich gegenseitig. »Einfach« ist ein äußerst rarer Zustand.

Leider würden überall dort, wo es um Meinungsbildung oder um Beeinflussung geht, die Daten herausgepickt, die das eigene Weltbild untermauern. Wo redet man in der Politik oder im Marketing schon über Bandbreiten, die sich auch noch überschneiden? Mit Schwarz-Weiß-Denken kann man die Lager leichter mobilisieren. Prinzip: »Teile und herrsche«.

Daten: Es kommt auf Verteilungen und deren Tendenz an

Das statistische Äquivalent zu der Schwarz-Weiß-Sicht ist der Vergleich von Mittelwerten. Man gewinnt den Eindruck, als gäbe es Unterschiede. Real zeigen die meisten Daten sich überlappende Bandbreiten.

Wichtiger noch: in den letzten 50 Jahren hat sich einiges getan. Das folgende Bild zeigt die liebgewonnene Schwarz-Weiß-Sicht mit den zwei Lagern.

 

Einkommen pro Kopf aus dem Jahr 1969. (Quelle: www.gapminder.org)

Das war aber für das Jahr 1969. 50 Jahre später sieht die Welt anders aus:

Einkommen pro Kopf aus dem Jahr 2019. (Quelle: www.gapminder.org)

Das Leben der meisten Menschen hat sich deutlich verbessert. Ca. 10% leben noch in extremer Armut. Wir müssen also dranbleiben. Gleichzeitig aber: Die Umstände für den Großteil der Bevölkerung haben sich verbessert. Offensichtlich verschieben sich die Schwerpunkte aller Verteilungen ins Positive. Es geht aufwärts. Verschieben Sie einfach die Zeitachse nach ganz links und drücken auf »play«.

Solide Daten für bessere Entscheidungen

Wie können wir unsere Weltsicht an eine objektivere Sichtweise annähern? Die Roslings empfehlen den Weg über Daten, die nach strengen Regeln und mit Sorgfalt erfasst werden. Gleichzeitig warnen sie, dass Daten nicht die ganze Wahrheit sind. Man muss die Zusammenhänge dahinter verstehen und Scheinkorrelationen ausschließen.

So wäre die Versorgung mit Impfstoffen ein »guter Indikator« für den Wohlstand einer Region. Impfstoffe erfordern eine strikt eingehaltene Kühlkette, vorsichtigen Transport und eine geschulte Handhabung. Mit anderen Worten: eine Region mit umfangreicher Impfung weißt ein gewisses Maß an Stromversorgung, Straßen, medizinisches Material und medizinisch geschultem Personal auf.

Eine Scheinkorrelation liege indes zwischen der Glaubensrichtung und Verhütung vor. So kritisierten viele den Papst, wenn er sich aufgrund seiner Religion gegen Verhütung ausspreche. Diese Kritik scheint unbegründet. Man könne keinen Unterschied bei der Verhütung zwischen Christen, Moslems, Buddhisten feststellen. Der Wohlstand der Menschen mache den Unterschied. Menschen mit mehr Wohlstand würden strikter verhüten. Wenig überraschend: Es gibt keine Unterschieden zwischen religiösen Gruppen, die Bandbreiten sind relevant.

Daten sehen objektiv aus, sind aber anfällig für Fehlschlüsse. Das gilt natürlich auch für www.gapminder.org.

  • Wie kommen die Einkommensstufen Level 1 bis 4 zustande? Was sind die Kriterien?
  • Wer definiert das? Was ist sein Motiv?
  • Wieso sind genau diese Daten relevant und keine anderen?
  • Sammeln die verschiedenen Institutionen die Daten nach vergleichbaren Regeln?
  • Wie fließen inflationäre Effekte und Neudefinitionen in die Daten ein?

Darauf gehen die Roslings im Buch leider nicht ein.

»Statiscal Literacy«

Was bringen diese Einsichten für mich persönlich? Schließlich bin ich kein Politiker und arbeite nicht beim IWF oder bei »Ingenieure Ohne Grenzen«. Bei »Statistical Literacy« denke ich an Selbstschutz und Eigenverantwortung:

  • Mittelwerte sollen uns meistens zu Diesem oder Jenem bewegen. Ein Blick auf die Bandbreiten lässt die Manipulation auffliegen.
  • Daten und komplizierte Modelle müssen so aufbereitet werden, dass sie leicht verständlich sind und Trends leichter erkannt werden können. Siehe www.gapminder.org
  • Wie im Buch aufgezeigt, unterliegen auch Nobelpreisträger, Ingenieure, Ärzte und Politiker antiquierten Vorstellungen. Man sollte nicht von deren Fachexpertise auf Expertise in anderen Bereichen schließen (Stichwort: Halo-Effekt).
  • Eine Statistik ist auf Knopfdruck erzeugt. Die Gretchenfrage ist immer, nach welchen Prozessen und Regeln die Daten entstanden sind.
  • Wo kann ich mein Geld vielversprechend investieren? Menschen, die das Einkommensniveau der Stufen 2 und 3 erreichen, werden die Gebrauchs- und Konsumgüter dieser Stufen konsumieren.
  • Wo kann ich mein Geld mit möglichst größter Wirkung spenden? Vermutlich ist ein teures Krankenhaus weniger wirksam als eine stabile Grundversorgung mit Strom, Wasser, Abwasser, Impfungen, Ausbildung von Krankenschwestern und Hebammen.

Zuletzt: Mich beruhigt der Gedanke, dass die Welt stückweise besser wird. Nicht perfekt. Besser als vor 50 Jahren, immerhin.

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