Wie Träume wahr werden: Das Geheimnis der Potentialentfaltung

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Kategorie: Projekte, Wirksamkeit

Autoren: Hüther, Müller, Bauer

Verlag: Goldmann

ISBN: 978-3442314812

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In diesem Buch finden wir eine Fallstudie über Projekte und wie wir Neues anpacken können. Dabei geht es nicht um Methodismus, sondern um die Persönlichkeit der Beteiligten. Der Leser kann hautnah miterleben wie Routine und Neues, Projekte und Vorhaben, Beharren und Lernen zusammenspielen. Deshalb ist das Buch lesenswert. Ich beleuchte es hier aus einer systemischen Sicht.

Das Unternehmerproblem

Zunächst trifft der Leser auf das typische Problem eines Unternehmers: Ole hat eine verrückte Idee. Er möchte am Race Across America (RAAM) teilnehmen, dem härtesten Radrennen der Welt von der Ost- zur Westküste der USA. Er hat kein Team und weiß anfangs nicht, wie er es bewerkstelligen soll. Ole ging es an, fand Mitstreiter und mit weniger als einem Jahr Vorbereitung gelang es ihnen gemeinsam, nicht nur am Rennen teilzunehmen; sie gewannen es. Das gelang ihnen trotz aller Bedenken, Einwände und kniffliger Problem, die ihnen im Wege standen. Eine beeindruckende Erfolgsgeschichte.

Paradoxerweise stören sich die Autoren an diesem Umstand. Erfolg, so schwingt es im ganzen Buch mit, ist ein Auswuchs kurzsichtigen Taylorismus. Wer dieser Denkweise angehört, operationalisiert seine Mitmenschen. Er macht sie klein und unterwirft sie seinen Interessen. Stattdessen müsse man sich einer höheren Sache, einem gemeinsamen Anliegen, verschreiben, das man als Gemeinschaft angehen müsse. Das mag stimmen und doch liegt darin eine Unschärfe dieses Buches.

RAAM-Teilnahme: ein idealtypisches Projekt

Die Teilnahme am RAAM ist ein  Projekt, wie es idealtypischer nicht sein könnte. Es hat ein klar definiertes  Ziel, einen definierten Zeitraum, einen definierten Ort und definierte Regeln. Weil es das gibt, kann sich das Radteam exzellent vorbereiten.

Zunächst sucht Ole Mitstreiter, die er über Beziehungen und das Internet anspricht. Das Team ermittelt die notwendigen Rollen und besetzt sie mit Personen, die vor allem zur Mentalität des Teams passen. Sie wählen aus ihrer Mitte einen Teamführer. Im Laufe des strikten Trainings wächst die Gruppe zum Team zusammen (Stichwort: Norming-Storming-Forming). Man kennt sich, schätzt sich als Menschen und vertraut sich gegenseitig. Das ist der Kit während des RAAM, der das Team Krisen und Konflikte überstehen lässt. Zudem reduziert Vertrauen die Komplexität (und damit Konfliktpotenzial), weil sie getrost auf ausufernde Regeln verzichten können.

Ausgehend vom Best Case Verlauf des RAAM und durch diverse Probeläufe, ermittelt das Team, was alles schiefgehen kann. Zudem reduzieren sie die Komplexität, indem sie konsequent standardisieren: vom Radfahren und den Fahrerwechseln, über Kochen, Nachschub, Begleitfahren bis hin zu den Trikots, Taschen, Marketing und Social Media. Das alles testen sie während Probetouren und Simulationen im Fitnessstudio. Das heißt, sie ermitteln die Risiken, die dem Rennerfolg vereiteln könnten.

Die exzellente Vorbereitung systemisch betrachtet

Wir sehen hier eine exzellente Vorbereitung und das Entstehen eines großartigen Teams. So vorbildlich und inspirierend das ist, so sollten wir das mit Augenmaß auf unsere Projekte und Organisationen übertragen. In diesem Punkt erinnern mich manche Aussagen an Kleinunternehmer, die Konzernen erzählen, wie die ihr Geschäft machen sollten.

Die exzellente Vorbereitung ist nicht ohne die glasklare Projektdefinition denkbar. Das kann ich gar nicht genug hervorheben. Diese Abhängigkeit vernachlässigen die Autoren. Genauer: die Teilnahme am RAAM wäre ein Teilprojekt, das einem größeren Anliegen dienen würde. Das ist von zentraler Bedeutung. Wir sollten gerade nicht auf die Idee kommen, klar definierte Projekte ob ihrer Kurzsichtigkeit zu verurteilen. Denn was bleibt Unternehmern, Managern, Projektleitern und selbstorganisierten Teams anderes übrig, als das Anliegen durch definierte Teilprojekte zu realisieren? Wir würden uns maßlos verzetteln, täten wir es nicht.

Das Definieren der (kurzsichtigeren) Teilprojekte absorbiert Unsicherheiten und macht uns handlungsfähig. Das ist die wichtigste Funktion von Führung, sagte bereits Clausewitz. Genau das leisteten die Organisatoren des RAAM. Sie definierten, wie das RAAM laufen soll und gaben damit den Handlungsrahmen vor. In diesem Sinne sehen wir das geforderte Anliegen sehr wohl in Unternehmen – in Form von Vorhaben, die komplexer Natur sind: neue Geschäftsbereiche, F&E Projekte, Strategieprojekte, Change Projekte, etc. Fraglos ist, dass das bei bürokratischer Routine seltener der Fall ist.

Was das betrifft, verallgemeinert Hüther unzulässig: Er übertragt Einsichten von Psychen auf Teams auf Organisationen auf ganze Gesellschaften. Da muss ich als Systemiker widersprechen. Im Team weiß jeder grob, wer was warum und ggf. wie macht. Gelungene Verständigung ist wahrscheinlich(er). Vor allem: man kennt sich. Für Organisationen und Gesellschaften gilt das nicht mehr. Die sind zu groß, divers und anonym. Gelungene Verständigung ist höchst unwahrscheinlich. Gleichzeitig nehmen die Verpflichtungen zu, wie Gehälter zahlen, Renten vorsorgen, Renditen erwirtschaften, Umwelt schützen. Es wäre anmaßend die Lehren eines kleinen Teams beim RAAM per Federstreich über andere und vor allem komplexere Systemtypen zu bügeln.

Allmendebuch: Kein Unterschied zu Erfolgsbüchern

Die Autoren stressen die Begriffspaare »Ziel/Erfolg« und »Anliegen/Gelingen«. Ziele und Erfolge, so der Tenor, sind zu kurzsichtig. Einmal erreicht, breche alles auseinander. Wie zuvor gesagt, scheint mir diese Sichtweise zu undifferenziert. Anliegen dagegen seien tendenziell utopisch und langfristig angelegt. Wir können sie nie erreichen. Das könne nur gelingen. Das würde das Potenzial eines jedes Einzelnen fördern.

Genau das lese ich in Biografien vermeintlich »erfolgreicher Menschen«. In meiner Lesart nutzen die die Worte »großes Ziel« oder »Vision« und »Erfolg« in dem Sinne, wie es die Autoren mit Anliegen/Gelingen meinen. Dafür spricht auch, dass die Autoren gegen Ende des Buchs Qualitäten auflisten, die in diesen Biografien und jedem Erfolgsratgeber stehen: Engagement, (Selbst-) Disziplin, Zeitmanagement, Selbstorganisation, Selbstverantwortung, etc. Gleichermaßen sollten wir uns passende Mitstreiter suchen. Übereinstimmung herrscht auch beim Umgang mit Bedenkenträgern: sie projizieren ihre eigene Unfähigkeit auf diejenigen, die etwas anpacken.

Übereinstimmung zwischen beiden Genre, was Erfolg oder Gelingen betrifft. Das war zu erwarten. Wie im Leitartikel der Allmendebücher erläutert: valides Wissen reproduziert sich. Hüther untermauert obige Erkenntnisse mit der Funktionsweise des Gehirns. Das ist alles stimmig zu Piagets Forschung. Es gibt dem Buch einen objektiveren Anstrich, bringt indes keine neuen Erkenntnisse, wie wir unsere Träume verwirklichen. Er verkompliziert eher einfache Zusammenhänge.

Passend zu Viktor Frankls Sinn

Sinn, sagt Viktor Frankl, ist in unserer saturierten westlichen Gesellschaft das Einzige, wo noch ein Mangel herrscht. Das gestehen auch die Autoren ein: sie stören sich am sinnfreien Konsumwahn, an entsinnten Karrieren und oberflächlichem Miteinander. Sinn speist sich laut Frankl aus drei Quellen: schöpferisches Tun, Erleben, Leid. Wohlgemerkt, liegen diese Quellen im Außen, in der Interaktion mit der Welt; nicht im Inneren, in der Seele, im Geist, etc. Sinn ist nichts, was jemand direkt erreichen kann.

Genau das sehen wir in diesem Buch: Das Radteam geht in die Welt hinaus. Da Leben fordert sie auf, etwas zu tun. Alle Beteiligten wachsen daran. Wohlgemerkt, ist das keine rationale Zweck-Mittel-Relation. Es geht um die gemeinsame Sache.

Das geforderte Anliegen der Autoren fällt in die Kategorie schöpferisches Tun. Wir sehen also: es gäbe noch die beiden anderen Kategorien, die Sinn stiften. Erleben könnte zum Beispiel bedeuten, dass jemand einfach gerne (und extrem) Rad fährt. Keine Begründung. Kein zweckrationales Konstrukt. Man steigt auf und macht mit, weil man es kann. Darum!

Fazit

Wir erleben als Leser eine großartige Leistung. Zudem können wir viele Parallelen zu Projekten und persönlicher Entwicklung ziehen. Gleichermaßen sind die Überlegungen zur Selbstwirksamkeit konsistent zu üblichen Erfolgsratgebern wie auch zum Sinn Frankls. Vorsicht sei indes geboten, das Gesagte Organisationen und Gesellschaften überzustülpen. Die ticken anders. Das sollte man im Hinterkopf behalten. Nicht zuletzt inspiriert das Buch. Es kann Feuer entfachen und regt zum Machen an.

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